Preparation
Über die DaimlerChrysler Studienförderung Forschung & Technologie
erfuhr ich von der Möglichkeit, entweder in Palo Alto, CA oder
Portland, OR ein Auslandspraktikums bei DaimlerChrysler zu machen.
Zunächst
interessierte ich mich für DaimlerChrysler Research & Technology
North America in Palo Alto, doch bald stellte sich heraus, daß
abgesehen vom sonnigen kalifornischen Strand relativ wenig zu mir
passen würde. Über meinen Mentor nahm ich Kontakt zu Herrn Lorenz
in Portland auf. Er ist der Leiter des Vehicle Systems Technology
Centers, einer Außenstelle Palo Altos. Ich hatte Glück, daß es noch
freie Praktikantenstellen gab und bekam nach einem persönlichen
Gespräch mit Herrn Lorenz in Untertürkheim unmittelbar eine Zusage.
Die weiteren Praktikumsvorbereitungen erforderten eine Menge Geduld.
Für die USA benötigt man ein Visum, um zu arbeiten. Dieses erhält
man als Student am Einfachsten, wenn man an einem Austauschprogramm
wie dem des Council on International Educational Exchange e.V.
teilnimmt. Es lohnt sich nicht, zu versuchen, das Geld für das
Council zu sparen (inkl. der Krankenversicherung waren es immerhin
955 DM), denn früher oder später landet man sowieso dort. Die
Flugangebote, die man vom Council erhält, sind nicht immer die
günstigsten. Besser ist es, den Flug frühzeitig zu buchen. Dann ist
man noch nicht auf ein Datum festgelegt und kann manchmal 50 Prozent
des Preises einsparen.
Mitnehmen sollte man außer den üblichen Dingen unbedingt den
deutschen Führerschein. Soetwas wie den internationalen kennen die
Amerikaner sowieso nicht. Auch der Reisepaß muß frühzeitig beantragt
werden, denn wenn man wie ich einen Strich auf dem e hat, kann der
erste schon mal ein Fehldruck sein und dann dauert es noch weitere
sechs Wochen - mindestens. Den übergangsweise gültigen Reisepaß muß
man dann für teueres Geld besorgen. Da er sowieso nur sechs Monate
gültig ist, ist das auch keine Dauerlösung.
Herr Lorenz behandelt alle Praktikanten gleich. Das heißt u.a., daß
man für sechs Monate dort bleiben muß. Er bezahlt den
Flug in der Economy Class und die Gebühren für das Council. Während
des Praktikums verdient man nichts. Allerdings wird für Unterkunft
und Auto gesorgt. Beides muß man sich meistens mit mindestens einem
weiteren Praktikanten teilen. So mancher denkt da an den Kauf eines
eigenen Autos.
Ich hatte wirklich keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ich hatte
sogar nachgefragt, ob man Bettwäsche braucht. Darauf kann man
getrost verzichten. Jeder Flug von und nach Amerika ermöglicht die
Mitnahme zweier Koffer mit je einem maximalen Gewicht von 32 kg. Auf
den Transatlantikflügen ist nur ein Handgepäckstück zugelassen. Man kann
zwar versuchen, darüber am check-in Schalter zu verhandeln, doch
von Amerika nach Deutschland ist das viel einfacher.
Nachdem dann alle Fragen unbeantwortet sind, darf man sich ohne
Sorgen ins Flugzeug setzen. Was jetzt kommt, ist ein Traum. Meistens
ist es zunächst sogar ein Alptraum.
Arrival
Noch war ich nicht da. Ich war noch nicht einmal in der Luft. Mein
Gepäck hatte ich nochmal umpacken müssen, da das eine
Handgepäckstück zu groß war. Jetzt hatte ich dafür zwei
Handgepäckstücke, meine Trompete und mein Notebook. All die
wichtigen Unterlagen, Medikamente und die Wäsche für den ersten
Tag (für den Fall, daß der Koffer nicht ankommen sollte) waren nun
in meinem schwarzen Koffer. Es hat einen Grund, warum ich schwarz
so sehr betone. Wir standen mindestens eine halbe Stunde auf dem
Rollfeld in Stuttgart. "Viel Verkehr in Amsterdam!" sagte der
Kapitän. Schließlich kamen wir dort doch noch an und mir war nicht
einmal schlecht vom Fliegen geworden. Allerdings war die Zeit knapp
und gerade als ich nach einem Kilometersprint durch Schipohl am Gate
meiner 747 ankam, schlossen sich die Türen. "We are full!" Aha, ich
war also nicht mehr in Deutschland. Jetzt mal sehn wie gut mein
Englisch ist. Es war schlecht genug, denn alles was ich erreichte
war die Antwort "You'll get another flight at the KLM counter!"
Hier bewährte sich zum ersten Mal meine EuroCard. Mit ihr konnte
ich mein Mittagessen und ein Telefongespräch nach Deutschland
bezahlen. Ein Bekannter sollte versuchen, jemanden in Portland zu
erreichen, um ihm meine neue Ankunftszeit mitzuteilen. Die
notwendige Telefonnummer in Portland, die EuroCard und ein Bekannter
in Deutschland sind für so einen Fall wirklich unerläßlich. Es war
gerade 1 Uhr morgens in Portland.
Ab jetzt wurde es besser. Ich flog Business Class nach Vancouver
in Canada. Von da aus würde ich schon irgendwie nach Portland
kommen, meinten die getressten Holländerinnen am Schalter von KLM.
Der Flug war lang, aber schön. Ich hatte einen Fensterplatz und
sah Grönland, sehr viel von Canada, die Rocky Mountains, Vancouver,
The Man with the Iron Mask und kam in der kalten DC-10 irgendwie
kaum zum Schlafen. In Vancouver mußte ich am Amerikanischen
Einwanderungsbeamten vorbei. Dieser stempelte einfach ab. Ich
unterschrieb den rosa Zettel nicht einmal (obwohl man das in seiner
Gegenwart tun sollte). Auf dem Rollfeld schickten sie uns zuerst
in die falsche Maschine. In der Luft wies der Kapitän dann die
wenigen Fluggäste auf die tolle Sicht auf Mt. St Helens hin. In der
Abenddämmerung schien die rote Sonne auf den riesigen braunen Krater
des Vulkans. Keine Wolke am Himmel. Sommerliche Bedingungen selbst
im Flugzeug. So langsam mußte ich mich wohl mit dem Gedanken USA
anfreunden.
In Portland wurde ich dann von zwei VSTClern bei 20 Grad und
Dunkelheit am Flughafen abgeholt, in ein leeres Haus gesteckt
und wieder verlassen. Da mein schwarzer Koffer mit all dem
wichtigen Zeug nicht angekommen war, war mir jetzt so wirklich
alles egal. Am besten erst einmal schlafen. Lange schlafen kann
man aber sowieso nicht und deshalb ging ich am nächsten Morgen
gleich mit dem in der Zwischenzeit auch eingetroffenen
Hausbesitzer zur Arbeit. Er arbeitet auch für das VSTC und da wir
recht früh dort waren, mußte ich erst einmal auf Herrn Lorenz
warten. Mein zugeteilter Betreuer war nämlich für die nächsten
vier Wochen nicht da (er flog kurz zuvor nach Deutschland).
Workplace
Die tägliche Fahrt zur Arbeit dauerte zwischen 25 und 60 Minuten.
Das hing ganz davon ab, ob mal wieder irgendwo in Portland ein
Unfall passiert war oder nicht. Dann jedenfalls herrschte in der
ganzen Stadt auf allen Straßen heilloses Chaos.
Das Hauptquartier von Freightliner, indem auch das VSTC
untergebracht ist, liegt auf einer kleinen Industriehalbinsel
in der Nähe von Downtown Portland. Die Nähe zu den Entwicklern
von Freightliner ist für die Arbeit dort von sehr großem Vorteil.
Allerdings muß man sich deshalb auch den guten Gepflogenheiten
Freightliners anpassen und das bedeutet Krawattenzwang.
Wie in Amerika üblich, arbeitet man in Großraumbüros, die durch
halbhohe Stellwände untergliedert sind. Das fördert zwar die
Kommunikation (und wie!), lenkt deshalb aber auch oft von der
eigentlichen Arbeit ab und ist somit zumindest am Anfang sehr
gewöhnungsbedürftig. Die Atmosphäre in den Bereichen von
Freightliner ist sehr, sagen wir mal, konservativ amerikanisch.
Das VSTC dagegen bringt mit seinen ca. 30 Mitarbeitern
den notwendigen Schwung in die ganze Sache und das arbeiten
dort macht wirklich Spaß. Ich hatte
das Glück oder Pech, daß ich zunächst kein festes Thema hatte.
Da das normalerweise nicht der Fall ist, wirkt es vielleicht
sehr übertrieben, wenn ich sage, daß ich in den Bereichen
Strömungssimulation, Fahrdynamik, Ergonomie,
Computerprogrammierung und Hardwareaufbau mitgearbeitet
habe.
Life in Portland
Portland bietet einem alles, was das Herz begehrt. Sowohl
die Strände des Pazifiks, als auch die schneebedeckten
Höhen des Mt. Hood sind in einer guten Stunde erreichbar.
Leider war es nur im Sommer wirklich schön. Der Winter ist
ziemlich verregnet. Es gibt nur wenige Tage ohne Regen. Die
sind dann aber aufgrund der herrlichen Fernsicht noch viel
schöner. Wie wohl überall in den USA ist der nächste
große Supermarkt nicht mehr als einen Kilometer entfernt.
Dort erhält man eine riesige Auswahl an Produkten,
unvorstellbar viele verschiedene Obst- und Gemüsesorten,
jede Menge Angebote, bestimmt eine eigene Kundenkarte
und einen wirklich tollen Service. Beim Einkaufen wird
man sofort von den Verkäufern angesprochen, wenn man so
aussieht, als ob man etwas nicht findet. An der Kasse
heißt es dann erst einmal "How are you!" Mit einem
freundlichen "I'm fine!" verrät man der Kassiererin
erst einmal, daß man Deutscher ist und prompt kommt
man mit ihr über irgendetwas Banales wie "How do you
like it here?" oder "Do you enjoy your stay?" ins
Gespräch. Der Einkauf wird fein säuberlich eingepackt,
bezahlt wird mit irgendeiner Karte und schließlich wird
man noch gefragt, ob man den Einkauf ans Auto getragen
haben möchte. "No thanks and have a nice day!"
Wie auf dem Weg zum Supermarkt, so kommt man auch beim
Rückweg wieder an mindestens drei Fastfood-Restaurants
vorbei: McDonalds, Burger King, Dairy Queen, Arby's,
Taco Bell, Carl's Junior, Wendy's, Denny's, Pizza Hut,
Papa Murphy's, Subway
(für weitere Namen bin ich sehr dankbar).
Der Ketchup ist umsonst und wird in rauhen Mengen zu
French Fries gegessen. Wie schon aus Pulp Fiction bekannt,
heißt der Hamburger Royal in Amerika Quarter Pounder
und ist viel größer. Das Getränk besteht zu 80 Prozent
aus Eis und kann meist beliebig oft nachgefüllt werden
(mehr als zweimal schafft man sowieso nicht). Der Satz
"Coke, without ice please!" führt ausschließlich dazu,
daß der Verkäufer versucht, auf den ohnehin schon mit
Eis gefüllten Becher noch mehr Eis draufzuhäufen. Es
heißt "No ice!!!"
Wenn man den Partner, so wie ich, in Deutschland
zurückgelassen hat, hat man sehr viel Zeit, um
entweder etwas zu unternehmen oder am Wochenende
zu arbeiten (das ist kein Witz!). Ich habe z.B.
mit dem Golfspielen angefangen und siehe da,
manchmal treffe ich den Ball auch schon ganz gut.
Von Richtungskontrolle darf man aber noch nicht reden.
Die Möglichkeiten, seine Freizeit zu verbringen,
sind zahllos und man sollte das so gut als möglich
im Sommer ausnutzen oder im Winter mit dem Snowboarden
anfangen.
Es gebe noch viel zu berichten über die großen, langsamen
Autobahnen, die 1000 Packung Aspirin für sechs Dollar,
das 45-minütige, ununterbrochene Feuerwerk am
Unabängigkeitstag der USA, die Pumpkins an Halloween,
Linsen mit Spätzle und Saitenwürschtle im Internhaus,
die Hawaii-Party, BBQs, den
Hawaii-Urlaub
im Anschluß,
Disneyland,
Hollywood und
San Francisco.
Aber alles läßt sich ganz kurz zusammenfassen: "Life's just great!"
Summary
Für mich war die Zeit in Portland absolut genial und im
Nachhinein sogar ein absolutes Muß. Ich durfte sehr viel
erleben, sowohl im persönlichen Bereich, als auch bei der
Arbeit. Allein schon die Tatsache, das amerikanische Leben
kennenzulernen, ist die ganze Sache wert. Da Amerika nicht
gleich Amerika ist und Kalifornien samt Hollywood für die
USA bestimmt nicht mehr als Bayern für Deutschland ist,
muß ich zugeben, daß ich eigentlich nur Oregon
kennengelernt habe. Da die Mitarbeiter allerdings aus den
unterschiedlichsten Teilen der USA kamen, hat man schon
ein bißchen mehr mitbekommen. Alle Praktikanten wurden
von allen Mitarbeitern im privaten und geschäftlichen Bereich
immer tatkräftig unterstützt und die Tatsache, daß ich mir
meine Aufgabenbereiche bei der Arbeit weitgehend selbst
raussuchen durfte, hat die Sache natürlich noch zusätzlich
versüßt.
Meine Englischkenntnisse haben sich stark verbessert.
Beim Reden denke ich nun in Englisch. Zwar habe ich einen
sehr begrenzten Wortschatz, doch das reicht aus, um sich
problemlos verständlich zu machen. Das überaus Seltsame
ist nur, daß ich Englisch (oder was die Amerikaner dafür halten)
selbst dann sehr leicht verstehe, wenn ich die Wörter
nicht alle kenne. Selbst Lippenlesen klappt manchmal, was
bei deutsch synchronisierten Filmen ziemlich blöd ist.
Wir hatten zugegebener Maßen ein wenig Englischunterricht
bei einer tollen Englischlehrerin (die auch Deutsch konnte)
und viele Ausflüge mit uns unternommen hat.
Das Gelernte muß man allerdings auch wirklich anwenden.
Man darf sich nicht scheuen, Fehler zu machen und die Kollegen
muß man anweisen, daß sie einen verbessern, da sie das sonst
nie wagen würden (manche!). Ich bin mit meinen Fortschritten
jedenfalls ganz zufrieden und alles in allem war es einfach
toll. Ein Tip an alle
Nachfolger: Wenn man schon einen Partner besitzt, läßt
sich bestimmt irgendetwas arrangieren, so daß man die Zeit
gemeinsam verbringen kann. Ich denke, man muß es einfach nur
wollen. Und wenn es nur der anschließende gemeinsame
Urlaub
ist. Als meine Freundin nach sechs Monaten dann endlich
kam, um mich abzuholen, konnte ich sie jedenfalls davon
überzeugen, daß Amerika gar nicht so schrecklich ist. Wir
waren bestimmt nicht das letzte Mal dort.